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DOK Premiere: Das Versprechen

Rückblick auf die »DOK Premiere« im Dezember 2016

Das Haus des Dokumentarfilms und Kinokult zeigten bei der DOK Premiere im Dezember den Dokumentarfilm »Das Versprechen. Erste Liebe lebenslänglich«. Der von Marcus Vetter und Karin Steinberger gedrehte Film löste im Ludwigsburger Kino Caligari großen Diskussionsbedarf aus - sowohl über das Schicksal des Protagonisten Jens Söring, als auch über die Gestaltung des Films. Der Fall des höchst wahrscheinlich unschuldig seit mehr als 30 Jahren in den USA inhaftierten Deutschen bewegt. »Das Versprechen« zeigt auf, dass hier vor langer Zeit vermutlich ein Unrechtsurteil gesprochen wurde.

Regisseur und Produzent Marcus Vetter stellte sich bereitwillig der Diskussion mit dem DOK-Premieren-Publikum und man erfuhr zahlreiche Details, die im Film aus Zeitgründen nicht im Detail behandelt werden konnten. Mit Karin Steinberger, einer Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, hatte Marcus Vetter bereits bei »Hunger« (2009) und »The Forecaster« (2015) zusammengearbeitet. Steinberger hatte sich schon vor zehn Jahren in einem Artikel der Geschichte von Jens Söring angenommen. Schon damals konnte sie ihn interviewen und sich auch die Jahre danach schriftlich mit ihm austauschen. Sie hielt den Kontakt zu ihm und auf ihre Initiative hin wurde 2014 das einzige gefilmte Interview mit ihm geführt, das in »Das Versprechen« das Rückgrat einer komplexen Geschichte bildet. Anschließend erhielten weder Steinberger noch Vetter weitere Drehgenehmigungen.

Obwohl Jens Söhring jetzt schon über 30 Jahre im Gefängnis sitzt, ist er ungebrochen. Er erzählt von seiner großen Liebe Elizabeth und dass er in seiner damaligen Naivität bereit war, die Schuld an der Ermordung ihrer Eltern zu übernehmen, obwohl er damit eigentlich nichts zu tun hatte.

Bei der Dramaturgie des Films musste sich Vetter entscheiden, ob er ihn eher in der Waage halten oder eindeutig Position beziehen wollte. Inzwischen ist er von der Unschuld von Jens Söring überzeugt und dies kommt im Film klar zum Ausdruck. In der ersten Hälfte geht es vor allem um die brutale Tat und die Gerichtsprozesse gegen die beiden, bei denen sie beide zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt wurden. Dabei kommen Video-Mitschnitte der Gerichtsverhandlungen zum Einsatz, die zwar optisch eine geringe Auflösung haben, jedoch inhaltlich sehr stark sind, wie die Akteure sich im Prozess dargestellt haben. Sie sind sehr authentisch und extrem wichtig für den Film.

Der Ton wurde digital überarbeitet. Der Prozess war der erste in Amerika, der national live übertragen wurde. Ein wichtiger Aspekt ist der sexuelle Missbrauch von Elizabeth durch ihre Mutter, den die Tochter auf Druck des Staatsanwalts leugnet, mit dem sie einen Deal geschlossen hat. Im zweiten Teil geht es wie in einem Krimi um neue Beweise und Zeugen. Jahrzehntelang haben viele Leute sich für Söring eingesetzt, sich aber getroffen und zusammengearbeitet haben sie erst für den Film. Es bleibt unverständlich, warum bei den damaligen Ermittlungen andere Verdächtige völlig außen vor gelassen wurden. Auch die Tatsache, dass es am Tatort keine Spuren von Söring gab, wurde völlig ignoriert. Neuere DNA-Spuren der Täter bestätigen, dass sie nicht von Söring stammen und andere Männer am Tatort waren. Ursprünglich hatte Vetter geplant, die aktuellen Ermittlungen weiter vorne zu platzieren, doch merkte er bei Testscreenings, dass die Sequenzen dort nicht funktionierten. Auch die Wirkung der äußerst brutalen Fotos vom Tatort wurde so überprüft. Ähnliches gilt für die Musik, die eine wichtige Funktion hat in diesem Film.

Vetter erläuterte auch die Arbeit an den verschiedenen Fassungen. Der Rohschnitt betrug 170 Minuten und ihm war klar, das dies fürs Kino nicht funktionieren würde. Nick Fraser von der BBC war so beeindruckt von dem Film, dass er zwei Folgen zu jeweils 90 Minuten in Auftrag gab. In Zukunft ist ein weiterer Mehrteiler für die BBC geplant und andere Sender wollten die Rohfassung ebenfalls in eine unterschiedliche Anzahl an Folgen aufgesplittet haben. Dies ist für Vetter kein Problem, da die Geschichte sozusagen nur in unterschiedliche Portionen aufgeteilt wird mit einem Cliffhanger am Ende jeder Folge. Die eigentliche Herausforderung war für ihn, aus der Rohfassung eine Kinofassung von rund zwei Stunden Länge zu schneiden. Dies ist ihm allerdings bravourös gelungen.

Neben dem persönlichen Schicksal von Söring ist es eine harte Kritik am amerikanischen Rechtssystem, vor allem in Virginia. Eigentlich war der Richter befangen und der Anwalt von Söring wurde mit speziellen Verfahrensfragen behindert. Trotzdem waren bisher alle Versuche, Söring zu begnadigen oder den Prozess noch einmal neu aufzurollen, erfolglos. Er hat sich zwar im Gefängnis eine gewisse Achtung und Respekt erarbeitet, wird jedoch alle acht Jahre in ein neues Gefängnis überführt, wo er sich seine Position neu erkämpfen muss. Der Film hat ihn sehr beeindruckt. »Das Versprechen« lief auf vielen Filmfestivals und auch in Virginia vor tausend Zuschauern. Es bleibt zu hoffen, dass der Justizskandal behoben wird und Jens Söring zumindest nach Deutschland überführt wird, denn inzwischen wurde ihm jeder Kontakt nach außen untersagt, sogar zu seinem Seelsorger, der ihn jahrzehntelang begleitete.

(Kay Hoffmann)