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DOK Premiere: Der Kuaför aus der Keupstraße

Rückblick auf die »DOK Premiere« im Marz 2016

Nach der Vorführung des Dokumentarfilms von Andreas Maus entwickelte sich eine angeregte Diskussion mit dem Regisseur. Auslöser für den Film waren Recherchen, die Maus für das ARD-Politmagazin „Monitor“ gemacht hat. So fand er die Ermittlungsakten und Verhörprotokolle und ihm war schnell klar, dass er daraus einen Kinofilm machen will – seinen zweiten nach „Ballada“ (2009), einem Dokumentarfilm über den russischen Lada. Für den neuen Film war die größte Herausforderung, die Bewohner der Keupstrasse von dem Film zu überzeugen, da sie seit dem Bombenanschlag 2004 schlechte Erfahrungen mit den Medien gemacht hatten. Mit „Der Kuaför aus der Keupstrasse“ sind sie sehr zufrieden, da es um sie und die traumatischen Erlebnisse geht. Der Film läuft sehr erfolgreich seit vier Wochen in Kölner Kinos.

Für den Kinofilm war Andreas Maus an einer ästhetisch anderen Form interessiert, die sich von seinen Arbeiten fürs Fernsehen unterscheidet. Mit seinem Kameramann Hajo Schomerus hat er sehr eindrückliche Bilder gefunden, beispielsweise von den fallenden Nägeln der Nagelbombe. In einer Halle hat er die Keupstrasse mit minimalistischen Mitteln nachempfunden, z.B. mit Kreidestrichen auf dem Boden wie in Lars von Triers „Dogville“. Dort lässt er die Vernehmungen von Schauspielern nachsprechen, die einen sehr sachlichen, emotionslosen Ton haben. Es wird deutlich, wie die Vernehmer versuchen, die Opfer in die Enge zu treiben und sie mit Gerüchten zu provozieren. Diese Abstraktion war ein bewusstes Stilmittel, das sehr gut funktioniert.

Es ist ein sehr leiser Film, denn nach dem großen Knall der Bombe lebten die Bewohner der Keupstrasse wie unter einer Glocke und mussten mit den Ereignissen und Verdächtigungen selbst zurechtkommen. Selbst nachdem 2011 klar wurde, dass eigentlich die rechtsradikale NSU für den Anschlag verantwortlich war, bekamen sie trotz aller Ankündigungen wenig Hilfe und Unterstützung.

Der Film konzentriert sich auf die Keupstrasse, um an diesem Beispiel in die Tiefe gehen zu können. Ursprünglich war geplant, die Zeugen zum NSU-Prozess in München zu begleiten, doch das Thema Keupstrasse wurde dort immer wieder verschoben und letztlich war Maus mit der jetzigen Lösung sehr zufrieden, da sonst auch wieder die Täter eine stärkere Aufmerksamkeit erhalten hätten. Ihn interessierte die Perspektive der Opfer. Den Vorschlag eines Zuschauers, einen Film über alle NSU-Morde zu drehen lehnte er aus genau diesem Argument ab. Wenn man sich mit hunderten Morden beschäftigen würde, müsste man sehr an der Oberfläche bleiben und es wäre schwierig, daraus einen überzeugenden Film zu gestalten. Er bestätigte, dass die Aufnahmen der Videoüberwachung, die den Täter mit dem Fahrrad zeigen, auf dem die Bombe gelagert war, der Polizei kurz nach dem Anschlag zur Verfügung stand. Es ist bei der NSU-Mordserie das einzige Mal gewesen, dass die Täter dabei gefilmt wurden. Warum diese Spur nicht weiterverfolgt wurde, ist eine nicht gelöste Frage. Bis heute gibt es keine Erklärungen von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft, wie es zu der Fehleinschätzung kommen konnte, die türkischen Bewohner steckten hinter dem Anschlag. Da auch bei den anderen NSU-Anschlägen in verschiedenen Bundesländern nach demselben Muster ermittelt wurde, ob die Opfer vielleicht doch die Täter sind, vermutet Maus eine strukturelle Fremdenfeindlichkeit. Dies muss besonders zu denken geben in der jetzigen Zeit, in der mit fremdenfeindlichen Parolen Erfolge bei Wahlen erzielt werden.

(Kay Hoffmann)