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DOK Premiere: Die Stadt als Beute

Rückblick auf die »DOK Premiere« im Oktober 2016

Bezahlbare Wohnungen sind in allen Metropolen knapp. Doch in Berlin spitzt sich die Lage besonders zu. West-Berlin galt lange als Oase mit günstigem Wohnraum. Dies hat sich drastisch verändert. Nach der Jahrtausendwende kamen Investoren und Spekulanten. Sie sanieren, um Mieten zu erhöhen. Sie wollen die alten Mieter loswerden. Andreas Wilcke hat den Wandel in Berlin vier Jahre lang intensiv beobachtet. Mit der Kamera begleitet er Makler, Investoren und Kaufinteressenten und Mieter beim Kampf um ihre Wohnungen. Den Dokumentarfilm zum Thema Turbokapitalismus und das Recht zu Wohnen präsentierte das Haus des Dokumentarfilms in der Reihe »DOK Premiere« im Ludwigsburger Kino Caligari. Nach der Vorführung des Dokumentarfilms von Andreas Wilcke entwickelte sich eine angeregte Diskussion mit dem Regisseur.

Andreas Wilcke hatte für seinen No-Budget-Film vier Jahre mit geliehenen Kameras gedreht und ein Jahr geschnitten. Es war ein Ein-Mann-Unternehmen und auch die Vermarktung des Films hat Wilcke selbst übernommen. Dabei hatte er insofern großen Erfolg, dass viele wichtigen Medien über den Film berichtet haben wie Süddeutsche, FAZ, Spiegel, Focus, taz. Dies liegt sicher daran, dass die Knappheit an bezahlbaren Wohnungen, steigende Mieten und die Verdrängung bisheriger Mieter aus attraktiven Wohnlagen ein Problem ist, dass viele betrifft.

Für seinen Film ist es Wilcke gelungen, auf Immobilienmessen mit Maklern, Investoren und Spekulanten ins Gespräch zu kommen über ein geplantes Filmprojekt Bauen in Berlin. Als er einige wichtige Akteure im Boot hatte, haben die meisten anderen ebenfalls dabei sein wollen. Von daher zeigt er die Situation in verschiedenen Bezirken und will einen Überblick über die Situation geben. Der Regisseur verzichtet auf einen Kommentar; er beobachtet Situationen und Präsentationen, bei denen es um Wertsteigerung, lohnende Investitionen und Aufhübschung ganzer Wohnquartiere geht – man spricht von »Gentrifizierung«.

Ziel ist es, die bisherigen Mieter mit ihren günstigen Mieten aus den Häusern heraus zu bekommen. Dies mit allen Mitteln. Es werden ihnen Auszugsprämien von 10.000 Euro geboten, die umfassende Sanierung wird begonnen mit bewohnten Wohnungen. Abgesehen vom Lärm und Staub, kann es dabei auch mal zu Wasserschäden kommen. Als eine Mieterin vom Urlaub zurück kommt ist ihr Fenster zugemauert. Sie hat den Prozess zwar gewonnen, aber der Neubau nebenan kann deshalb natürlich nicht mehr abgerissen werden. In Berlin spitzt sich die Situation zu, da es hier einen hohen Anteil an nicht saniertem Altbaubestand gibt und im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen die Häuser günstig sind. Dies lockt viele ausländische Investoren in die Stadt. Es herrscht Goldgräbermentalität. Einige schalten Makler und Investoren andere wie ein Millionärsehepaar streifen selbst durch die Stadt, um passende Objekte zu finden. Nach einer Sanierung können die Häuser mit hohem Gewinn verkauft oder neu vermietet werden. Ein Zuschauer wunderte sich, dass ausländische Investoren hier überhaupt Immobilien kaufen können, auch wenn sie nicht in Deutschland wohnen. Aber dies ist der freie Markt, der sich in diesem Bereich als zügellos erweist.

Da sieht Andreas Wilcke klar die Politik in der Pflicht, die entsprechende Rahmenbedingungen schaffen müsste. Stattdessen habe sie in Berlin in großem Umfang Wohnungen mit Sozialbindungen an private Investoren verramscht und damit dafür gesorgt, dass die durchschnittlichen Mieten steigen. In bestimmten angesagten Bezirken gibt es einfach keine bezahlbaren Wohnungen und die nicht so zahlungskräftigen Mieter werden in die Außenbezirke verdrängt, die sich dadurch auch verändern. Dies ist das erklärte Ziel der Immobilienbranche. Das Zentrum müsste schön, wohlhabend und attraktiv sein. Dort könnte eben nicht jeder wohnen. Dies quasi zum Naturgesetz zu erklären zeigt die Perspektiven der Branche, die fern jeglicher Realität liegen. Denn auch in anderen Metropolen gibt es eine Durchmischung und Gegensätze von Reichtum und Armut auch in den Zentren. Es ist ihre Vision, die dort zum Naturgesetz erklärt wird. Die Hoffnung von Andreas Wilcke, bezahlbaren Wohnraum zu einem Grundrecht zu erklären, geht allerdings auch an den Realitäten in unserer Gesellschaft vorbei.

(Kay Hoffmann)