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DOK Premiere: Iraqi Odyssey

Rückblick auf die »DOK Premiere« im Juli 2015

Iraqi Odyssey 3D:
Samir - mehr als der Familienarchivar

Der Schweizer Dokumentarfilmer Samir hat bei Dokville 2015 und einer anschließenden DOK Premiere zu seinem jüngsten Film »Iraqi Odyssey« viel über seine Arbeiten berichtet. Samirs Eltern sind in den 1960er Jahren aus politischen Gründen aus dem Irak in die Schweiz emigriert. Diese Erfahrung der Emigration, die Integration der zweiten Generation und den Beziehungen der westlichen Welt zum arabischen Raum ist ein roter Faden in seinen Filmen, mit denen er oft technisch Neuland betrat. Der Film wird am 24. September 2015 in die deutschen Kinos kommen, leider aber nur gekürzt und in 3D. Die Vorführung in Ludwigsburg fand mit einem 3D-Director's Cut statt und der Filmemacher gab anschließend bereitwillig Auskunft über das Projekt und dessen Hintergründe.

Foto: Der Filmemacher Samir bei Dokville 2015 @ Sabine Hackenberg, HDF

Foto: Der Filmemacher Samir bei Dokville 2015 @ Sabine Hackenberg, HDF

Einer der ersten digitalen Dokumentarfilme von Samir war »Babylon 2« (1993) über die zweite Generation von Immigranten in der Schweiz. Schon damals kontrastierte er die aktuellen Bilder als Splitscreen mit alten Fotos oder Archivaufnahmen. In »Forget Bagdad« (2002) setzte er sich mit Kameramann Nurith Aviv mit dem Paradox auseinander, dass irakische Juden in Israel leben und über ihre Sprache und Herkunft eigentlich die Feinde ihrer eigenen Gesellschaft sind. Damals entstand die Idee, einen Film über seine Familie und ihre wechselvolle Geschichte zu machen.

So entstand schließlich »Iraqi Odyssey«. Der Film hatte seine Europapremiere auf der diesjährigen Berlinale im Panorama und lief in der Schweiz in der Langfassung mit 162 Minuten Länge und in 3D erfolgreich im Kino. Dieser »Directors Cut« wurde nun auch bei der »DOK Premiere« im Ludwigsburger Caligari gezeigt, während der Film im deutschen Kino ab 24. September in einer gekürzten Version in 2D starten wird. Damit geht ein besonderer Reiz des Films verloren, denn Samir hat bewusst ein stereoskopisches Experiment gewagt.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand natürlich seine Familiengeschichte und die aktuelle Situation der Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten. Denn wie Millionen Iraker ist Samirs Familie inzwischen auf der ganzen Welt verteilt in Europa, in den USA, Neuseeland und im Irak. In den persönlichen Geschichten einiger seiner Verwandten spiegelt sich immer die Geschichte des 20. Jahrhunderts ? vor allem des arabischen Raums. Von daher geht der Film weit über die persönlichen Geschichten hinaus. Samirs Familie ist symptomatisch für dieses Land und lässt die aktuelle Flüchtlingsdiskussion in neuem Licht erscheinen.


Das Sammeln des Materials dauerte sieben Jahre

Foto: Szene aus »Iraqi Odyssey« @ Dschoint Ventschr FilmproduktionNachdem die Idee des Films geboren war, wurde Samir von seiner Familie als Familienarchivar gesehen und sie schickten ihm viel Material. Doch die Entwicklung des Films und die Recherche nach historischem Filmmaterial dauerte sieben Jahre, In dieser Zeit veränderte sich auch das globale Medienverhalten. Tauschten sie zu Beginn E-mails aus, kam irgendwann Facebook hinzu und inzwischen ist es ganz natürlich, über den Weltball zu kommunizieren und Material auszutauschen. Dieser Aspekt der Globalisierung ist auch ein Teil des Projektes. Im Schnitt sah Samir, dass man die zahlreichen Informationen und historischen Quellen, ob nun Archivmaterial, Fotos oder Dokumente mit neuen Schnittprogrammen von Avid im Raum staffeln kann und sie dabei im Originalformat belassen kann. Wie in der Musik galt es, die verschiedenen Elemente richtig zu ordnen und rhythmisch abzustimmen. Dies war eine sehr spannende Feinarbeit. Schon bei ersten Tests hatten sie herausgefunden, dass sich verschiedene 3D-Aufnahmen nicht in einem Bild zusammenführen lassen. Von daher blieb das Material in 2D, nur die Interviews mit seinen Verwandten drehte er noch einmal neu in 3D. Dabei half eine kleine, handliche Kamera von JWC, die mit zwei weitwinkeligen Festobjektiven arbeitete, die die zeitaufwändige Einstellung der beiden Objektive erübrigte. Aber auch dort war die Erfahrung, dass man nicht zu nah an die Protagonisten heran gehen durfte, weil sie sonst auf der Leinwand mit ihrer Gestik unnatürlich wirkten. Ähnliches galt für das Auf- und Abblenden der Aufnahmen mit den Personen, die nicht wie Geistererscheinungen wirken sollten.

Bei den Recherchen wurde offensichtlich, dass es im Irak nach den vielen Umbrüchen und Kriegen kaum noch Filmmaterial gibt. Fündig wurde das Team in verschiedenen Filmarchiven in England, den USA und Moskau, denn die Großmächte interessierten sich immer schon für den arabischen Raum und Samirs Heimat war vor gar nicht so langer Zeit eine britische Kolonie.

Wie erwähnt sind Millionen Iraker geflohen und bilden heute eine globale Community. Mit dem Film startet Samir das Online-Projekt www.iraqiodyssey.com, um eine globale irakische Web Community aufzubauen, das er auch schon bei Dokville 2015 vorgestellt hatte. Auf dieser Seite finden sich Informationen zu seinem Film, der ihm eine Herzensangelegenheit ist. Auf einer Timeline kann man die irakische Geschichte recherchieren und die eigenen Geschichten, Filme und Fotos hochladen. So könnte über die Jahre ein virtuelles Filmarchiv des Irak entstehen und die unglaublichen Verluste zumindest teilweise ausgleichen.

Trotz brütender Hitze stieß die Premiere des Filmes in Ludwigsburg auf einiges Interesse und es war auch extra eine Studentengruppe des 3D-Instituts in Karlsruhe angereist, um »Iraqi Odyssey« zu sehen und darüber zu diskutieren. Die »DOK Premiere« ist eine Veranstaltungsreihe des Hauses des Dokumentarfilms in Stuttgart und von Kinokult.de im Ludwigsburger Kino Caligari. Dokville 2015, der Branchentreff Dokumentarfilm, an dem Samir ebenfalls von seinen Arbeiten berichtete, fand am 18. und 19. Juni 2015 statt.

(Kay Hoffmann)

Foto: Szene aus »Iraqi Odyssey« @ Dschoint Ventschr Filmproduktion

Foto: Szene aus »Iraqi Odyssey« @ Dschoint Ventschr Filmproduktion