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DOK Premiere: Wer hat Angst vor Sibylle Berg

Rückblick auf die »DOK Premiere« im Mai 2016

Von Doku-Schlampen und Glücksmomenten

Auf großes Interesse stieß die DOK Premiere des Dokumentarfilms »Wer hat Angst vor Sibylle Berg« von Wiltrud Baier und Sigrun Köhler - auch bekannt als »Böller und Brot«. So nennen die Stuttgarter Filmemacherinnen ihre Produktionsfirma, die die beiden nach ihrem Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg aufgebaut haben. Sie haben seit 2000 zahlreiche Filme und Projekte realisiert und waren nach »Where is the beer and when do we get paid« zum zweiten Mal Gast bei der DOK Premiere, die vom Haus des Dokumentarfilms gemeinsam mit Kinokult und dem Ludwigsburger Kino Caligari seit fünf Jahren mit großem Erfolg organisiert wird.

Im Filmgespräch, das Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms mit den beiden Regisseurinnen führte, ging es vor allem um Produktionshintergründe und das Verhältnis der beiden zu ihrer Protagonistin. Sibylle Berg wollte die Dreharbeiten doch sehr stark kontrollieren und stellte einige Bedingungen. Die ursprüngliche Idee, dass die beiden einen Film über die Erfolgsautorin machen sollten, kam vom bekannten Kameramann Justus Pankau. Die erste Kontaktaufnahme lief über ein aufwändig produziertes Briefpapier, das die Bestsellerautorin beeindruckte. Letztlich sagte sie zu, wenn sie auch einen Gegenwert bekäme, z.B. Einlass in verschiedene Häuser. Denn zu der Zeit war »die Berg« auf der Suche nach einer neuen Bleibe.

Die Dreharbeiten zogen sich über ein Jahr, wobei nur punktuell wirklich gedreht wurde. Böller und Brot wurden von Sibylle Berg dabei sozusagen als eine Person gesehen, was die Dreharbeiten erleichterte. Nach einer langen Schnittphase fand sie den Film bei der »Abnahme« ganz witzig und wünschte nur ein paar kleine Änderungen. Der Film hatte seine Welturaufführung beim Züricher-Festival, bei dem er beim jungen Publikum besser ankam als beim Züricher Bürgertum, die ein anderes Porträt erwartet hatten.

Dem Film gelingt allerdings eine spannende Gratwanderung von Nähe und Distanz und man erfährt und spürt einiges über den Menschen Berg und ihre Launenhaftigkeit. Sie war beispielsweise noch bei keiner einzigen Vorführung mit Publikum anwesend.

Ihren Spitznamen »Doku-Schlampen«, den Wiltrud Baier und Sigrun Köhler von Berg verliehen bekamen, sehen die beiden, wie sie bei der DOK Premiere sagten, eher als eine Auszeichnung. Zumindest, wenn sie aus dem Mund von Sibylle Berg kommt. Und sie haben sich schon überlegt, entsprechende T-Shirts machen zu lassen.

Der Titel des Filmes ist übrigens bewusst ohne Fragezeichen gewählt, da es sich nicht um eine Frage, sondern um eine Feststellung handelt. Er weckt zahlreiche Assoziationen und ist bewusst mehrdeutig angelegt. Von daher passt er hervorragend zu diesem vielschichtigen Film, der einige witzige und ironische Momente hat. Wenn Sibylle Berg den beiden beispielsweise eine hohe Staumauer zeigt, von der sich wöchentlich Personen in den Tod stürzen. Sie lästert noch über die trostlose Telefonzelle, in der sich die Verzweifelten letzte Ratschläge bekommen können. Im Hintergrund sieht man, dass sich gerade jemand hinabstürzt. Allerdings abgesichert mit einem Bungee-Seil, was man zunächst nicht sieht.

Das sind wahre Glücksmomente des Dokumentarfilms, wie ihn Böller und Brot seit Jahren liefern.

(Kay Hoffmann)